SGKB Immobilienforum: Wie werden wir morgen leben – und bauen?

Stehen die Büros der Zukunft im Metaverse? Investieren Immobilienfirmen künftig in Land im virtuellen Raum? Sind alle Eigenheime smart und vollautomatisch? Beim diesjährigen Immobilienforum der St.Galler Kantonalbank stellte Dr. Stephan Sigrist seine Thesen auf erfrischende Weise vor.

Mit der Zukunft kennt sich Stephan Sigrist aus, denn als Gründer und Leiter des Schweizer Think Tank W.I.R.E. beschäftigt er sich intensiv mit Szenarien von morgen und setzt sich mit Innovationen auseinander. Heute spricht alles von Digitalisierung. Diese könne zwar vieles effizienter machen – aber nicht überall sei auch effektiv ein Nutzen da. «Nicht alles, was digitalisierbar ist, ist auch wünschbar: Man kann ein Fenster eigentlich gut selber aufmachen, man braucht nicht unbedingt einen Knopf dafür.»

Die Gesellschaft der Spannungsfelder

In seinem Ausblick auf die Zeit nach 2023 machte Sigrist auf verschiedene Spannungsfelder aufmerksam: So geht die zunehmende globale Vernetzung mit einer stärkeren Regionalisierung einher. Und der steigenden Lebenserwartung steht eine wachsende Dominanz von Krankheiten gegenüber. Und die fortschreitende Digitalisierung verstärkt wiederum die Suche nach realen Werten. Im Hinblick auf das Wohnen geht der Trend weiter, der mit Corona angefangen hat: Wir werden mehr zu Hause oder unterwegs arbeiten und die Nutzung von klassischen Büros wird weiter zurückgehen. Das gilt auch für das Lernen. Bildung von zu Hause aus, also abseits von Schulen – oder in dezentralen Lernumgebungen wird selbstverständlich. Das bedeutet: Es müssen neue Lernformate und Räume für den Wissensaustausch und für die Bildung allgemein entwickelt werden. «Das lebenslange Lernen wird mehr denn je Voraussetzung für die Anpassung an neue Anforderungen. Die künftige Gesellschaft bietet eine grössere Vielfalt von Lebens- und Karrieremodellen», so Sigrist.

Gesunde Architektur

Doch es kommen neue Faktoren hinzu, sagte Sigrist: Der Klimawandel werde zur Realität. Klima und Wetter würden immer wichtiger. Ausserdem drohe Knappheit bei Rohstoffen wie Sand und Kupfer, die in der Bauwirtschaft eine grosse Rolle spielten. So sieht er vor allem drei Aspekte, die fürs Bauen wichtig werden: Effizienz was die Kosten betrifft, aber auch die Substitution knapper Rohstoffe und vermehrtes Recycling von Baumaterial. Nachhaltiges Bauen umfasse nicht allein die Energiebilanz und die Rohstoffe, sondern auch das Gestalten von Gemeinschaft oder die Gesundheit als zentralen Bestandteil der Immobilienwirtschaft der nächsten Generation, so Sigrist. «Im Mittelpunkt wirklich smarter Immobilien steht die Frage nach Lebensqualität.»
Ein Trend in der Architektur werde immer deutlicher: Die Neugestaltung von Wohnformen und Grundrissen für eine flexible Nutzung. Oder die sogenannte Förderung gesunder Architektur, die z.B. zu mehr Bewegung und einem gesunden Lebensstil motiviert. «Alltagsbauten sehen seit Jahrzehnten etwa gleich aus», sagt er. Doch neue Arbeits- und Lebensformen verlangten auch nach neuen Wohnungen. Wohnbauten mit kleineren Zimmern und Grundrissen sowie mit Möbeln, die flexibler genutzt werden können. Wohnformen, in denen die Generationen wieder näher zusammen wohnen – «und wo der Roboter auf dem Sofa liegt, weil die Menschen sich gegenseitig helfen können.»

Steigende Zinsen sind zurück

Noch ist dies Zukunftsmusik. Wichtig für den Immobilienmarkt im Jahr 2023 sind andere Faktoren, z.B. die Zinsen. Caroline Hilb Paraskevopoulos, Leiterin Anlagestrategie und Analyse der SGKB, präsentierte die Zinsaussichten für das Jahr 2023: «Die Zinsen werden weiter ansteigen. Weil der Inflationsdruck langsam abnimmt und auch die Konjunktur schwächer wird, fällt der Anstieg schwächer aus als im vergangenen Jahr.»

Wie jedes Jahr gewährte auch Patrick Schnorf, Leiter Research und Partner von Wüest Partner, einen Einblick in die jüngsten Entwicklungen am Ostschweizer Immobilienmarkt. «Die Immobilienmärkte in der Ostschweiz kühlen sich im Zuge der anziehenden Zinsen ab. Die Preise für Renditeliegenschaften stehen unter Druck, ein Preisverfall ist jedoch nicht zu erwarten. Im Wohneigentum ist aufgrund der Angebotsknappheit hingegen von stabilen Preisen auszugehen», so Schnorf.


SGKB Immobilienforum: Grösster Anlass der Immobilienbranche

Das Immobilienforum der St.Galler Kantonalbank ist der grösste Ostschweizer Anlass der Immobilienbranche in St.Gallen. Rund 850 Exponentinnen und Exponenten der Immobilienbranche trafen sich dieses Jahr in der Olma-Halle.

Einige Stimmen vom Immobilienforum

  • Andreas Pfister, CEO Pfister Baubüro, St.Gallen: «Im Immobiliengeschäft ist ein Gespür für die Marktlage und die Bedürfnisse der Kundschaft entscheidend. Das kann man sich nicht am Schreibtisch erarbeiten, dafür braucht es den persönlichen Kontakt. Dass am Immobilienforum immer auch zukunftsgerichtete Themen angesprochen werden, schätze ich sehr: Das Angebot im Immobilienmarkt ist nur sehr träge steuerbar, darum ist es umso wichtiger, vorauszuschauen. Denn wir wollen ja Immobilien anbieten, die eine möglichst lange Lebensdauer haben.»
  • Carole Steinemann, Geschäftsführerin Immo-Handel, Goldach: «Für die Entwicklung unseres Immobilienportfolios müssen wir künftige Bedürfnisse antizipieren: Wie gross sind die Wohnungen, die wir in Zukunft brauchen? Wird das Thema "Smart Home" wichtiger? Braucht künftig jeder noch einen eigenen Parkplatz? Gibt es nur noch Elektroautos? Genauso wichtig wie die Einschätzung der Expertinnen und Experten ist der Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen aus der Branche anschliessend beim Apéro.»
  • Michael Müller, Inhaber Vierkant Immobilien, Abtwil / Zürich: «Für mich bildet das Immobilienforum den Startschuss ins neue Jahr: Hier informiere ich mich aus erster Hand über die Markteinschätzung der Expertinnen und Experten und treffe andere Fachleute. Das Immobiliengeschäft ist massiv von der Zinsentwicklung beeinflusst. Daher ist der Ausblick auf die Zinsentwicklung und vor allem die Einschätzung der Profis für mich sehr relevant.»

Mehr zu den Einschätzungen für den Immobilienmarkt 2023 in der Präsentation von Patrick Schnorf, Wüest Partner AG, erhalten Sie in seiner Präsentation oder direkt in der Aufzeichnung des Immobilienforums 2023: