Der Umbruch braucht Zeit

Sita Mazumder ist eine der vielseitigsten Finanzexpertinnen der Schweiz. Die Ökonomin promovierte 2001 am Swiss Banking Institute der Universität Zürich, und ihre erfolgreiche akademische Laufbahn führte sie in die USA, nach Kanada und in die Niederlande. Zudem ist sie Unternehmerin und hat diverse Verwaltungsratsmandate inne. Mazumder beschäftigt sich unter anderem in ihrer wissenschaftlichen Arbeit auch mit der Rolle der Frau in der Wirtschaft.

Frau Mazumder, was verstehen Sie unter modernen Arbeits(zeit)modellen?

Moderne Arbeits(zeit)modelle sind geprägt von Flexibilität, das heisst, sie haben eine hohe Zeit- und Ort-Autonomie. Der starre Acht-Stunden-Job vor Ort im Büro kann dabei eine Wahlvariante sein, wenn der oder die MitarbeiterIn das wünscht, aber ist nicht mehr Pflicht. Gängige Modelle sind unter anderem Teilzeit, Gleitzeit, Arbeitszeitkonten, Vertrauensarbeitszeit, Jobsharing, Telearbeit/Homeoffice. Voraussetzung für die erfolgreiche Umsetzung ist eine flexible Arbeitskultur.

Wie innovativ sind die Schweizer Unternehmen, wenn es um moderne Arbeits(zeit)modelle geht? Sehen Sie Optimierungsmöglichkeiten?

Die Situation ist heterogen, vor allem, wie die Modelle gelebt werden. Programme, wie beispielsweise Teilzeit, offerieren mittlerweile sehr viele Organisationen, jedoch sind grosse Unterschiede zu beobachten, ob die Möglichkeiten auch in der Organisationskultur eingebettet sind und gelebt werden. Die erfolgreiche Umsetzung von flexiblen Arbeitsmodellen braucht Offenheit. Das klingt vielleicht banal, ist aber oft die grosse Hürde: man kann es sich nicht vorstellen, dass es klappt, es ist neu, bringt Veränderungen usw. Hier besteht sicherlich Potenzial im Schweizer Markt, die Köpfe zu öffnen und Neues zu probieren.

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist eine grosse Herausforderung für berufstätige Eltern – wie weit klaffen Bedürfnisse, Wünsche und die Realität bei den Arbeitnehmenden auseinander? Was ist heute tatsächlich möglich, was bleibt (noch) Wunschdenken?

Es gibt mehrere Themen in diesem Kontext, eines davon ist die vorgängig beschriebene Unternehmenskultur. Ein weiterer Aspekt ist das hiesige Rollenverständnis. So wissen wir aus Befragungen, dass auch Männer gerne mehr Teilzeit arbeiten würden. Das ist aber bisher weder in unserer Gesellschaft noch bei den Unternehmen gut verankert, da es traditionelle Rollenbilder verändert wie auch bestehende Wertesysteme – und das braucht Zeit. Dies alles zeigt, dass wir in Veränderung sind: Aus meiner Sicht geht die Entwicklung in die richtige Richtung, die Unternehmen bieten und leben zunehmend mehr flexible Arbeits(zeit)modelle, aber der Umbruch braucht Zeit und für ungeduldige Menschen, wie ich es bin, dürfte es etwas schneller gehen.

Welche Rolle spielt das Thema Vorsorge bei modernen Arbeits(zeit)-modellen und der Vereinbarkeit von Familie und Beruf?

Wie immer, wenn es um Vorsorge geht, muss die Situation im Gesamtkontext betrachtet werden. Aber es ist durchaus so, dass in vielen Paarhaushalten, und gerade mit schulpflichtigen Kindern, jemand Teilzeit arbeitet, hier zu Lande meist die Frau. Dieses Szenario gilt nicht nur für Angestellte, sondern trifft auch auf zahlreiche Unternehmerinnen zu. Viele Frauen mit fixen Anstellungen (also Nicht-Selbstständigerwerbende) wiederum üben mehrere kleine Teilzeitjobs aus. Solche Set-ups passen zwar oft in Bezug auf die Vereinbarkeit, aber haben einen grossen Nachteil, weil Jahreslöhne bis zur Grenze von 21'150 Franken nicht in der beruflichen Vorsorge (BVG, 2. Säule) versichert sind. Addiert man hier beispielsweise noch Perioden ohne Erwerbsarbeit, ergeben sich Vorsorgelücken, die im Alter problematisch werden können.

Wie denken Sie persönlich über Ihre Vorsorge?

Ich merke deutlich, dass ich mir mit dem Älterwerden mehr Gedanken dazu mache und entsprechend auch stärker vorsorge. Sicherlich auch ein Treiber ist, dass unser Vorsorgesystem mir nicht mehr ein ausreichend gutes Gefühl gibt. Sinkende Umwandlungssätze, AHV-Problematik etc. führen bei mir klar dazu, die private Vorsorge (also Säule 3) stärker an die Hand zu nehmen.