Meine Zeit war jetzt

Die Journalistin Michèle Binswanger berichtet in ihrer Kolumne, wie sie mit der Familiengründung ihre Perspektive verändert hat. Ihr Fazit: Mit einer eigenen Familie und zunehmenden Alter weitet sich der Horizont – auch punkto Zukunftsplanung.

Symbolbild

Michèle Binswanger
Journalistin

Die Zeit ist wie ein Handörgeli, streckt sich in seufzenden Tönen oder zieht sich zusammen – nur die Melodie dahinter ist nicht immer einfach zu erkennen.

Als Teenager lebte ich nach dem Motto: Meine Zeit ist jetzt! Und alles andere interessierte mich wenig. Eines Tages fragte mich mein Vater, ob ich schon Pläne für den Herbst habe. Es war Frühling, ich war sechzehn und hatte keinen Schimmer. Was ich im HERBST tun würde? Da lagen ja noch sechs Monate dazwischen, ein Sommer, in dem ein ganzes Leben passieren – oder die Welt aus den Fugen geraten kann.

Der Herbst erschien als unermesslich fernes zeitliches Ereignis, auf das ich mich unmöglich jetzt schon vor- bereiten konnte.

Und dann gingen ein paar Sommer ins Land und irgendwann war ich erwachsen. Meine Musik war jetzt ein Stakkato von Abenteuern und Versprechen, nicht ohne lange Seufzer von Liebeskummer dazwischen, und ab und zu die scheue Frage: Wohin bin ich unterwegs? Die Frage klärte sich ziemlich schnell, als ich eine Familie gründete. Wenn mich jetzt jemand fragte, wo ich in sechs Monaten sein würde, musste ich nicht lange darüber nachdenken. Genau hier, voll damit beschäftigt, Ressourcen heranzuschaffen und zu verwalten.

Bald wird meine Tochter ebenfalls sechzehn und jetzt ist es an mir zu fragen: Hast du schon Pläne für den Herbst? Denn für mich zeichnet sich am Horizont bereits die Endlichkeit des Lebens ab. Sie motiviert mich dazu, vorauszuplanen. Denn ich möchte, dass meine Liebsten in der Musik, die bis dahin noch spielen wird, einen Part übernehmen.