27. November 2023, Tägliche Marktsicht

Energiekrise – was ist das?

Vor einem Jahr war das Wort «Energiekrise» in aller Munde und die Warnungen vor einem schwarzen Winter überschlugen sich. Ein Jahr später ist eine mögliche Energiemangellage über den Winter kein Thema mehr.

Im Fokus

Vor einem Jahr war das Wort «Energiekrise» in aller Munde. Die Warnungen vor einem schwarzen Winter überschlugen sich, genauso wie die Vorschläge und Forderungen, wie man Strom sparen sollte. Netflix schauen war genauso verpönt wie die Weihnachtsbeleuchtung oder eine warme Dusche. Ein Jahr später ist eine mögliche Energiemangellage über den Winter kein Thema mehr. Die Gasspeicher sind voll, die Stauseen ebenfalls. Von den Kernkraftwerken in Frankreich hört man nichts, also scheinen sie zu laufen. Wahrscheinlich war man vor einem Jahr zu hektisch, genauso wahrscheinlich ist man in diesem Jahr zu sorglos.

Der Unterschied zeigt sich auch in den Preisen für Gas und Strom. Der Gaspreis ist 70% tiefer als vor einem Jahr. Die Schwankungen im Gaspreis sind im Vergleich zum letzten Jahr nicht mehr die Rede wert. Gegenüber der Zeit vor dem Ausbruch des Krieges in der Ukraine ist der Preis für Erdgas aber immer noch etwa doppelt so hoch. Das gleiche gilt für den Strompreis. Strom für die Lieferung in einem Monat ist 75% billiger als vor einem Jahr. Das gleiche gilt für längerfristige Stromverträge, die für die Versorgung der Privathaushalte und Unternehmen wichtiger sind als der aktuelle Tagespreis. Strom für 2024 war vor einem Jahr dreimal so teuer wie heute. Das hilft den Stromkonsumenten aber wenig, da der Strom für das nächsten Jahr von den Stromanbietern schon zu den höheren Preisen eingekauft wurde, was sich in den Stromrechnungen zeigen wird. Der Strom für 2025 kann dagegen günstiger eingekauft werden. Generell hat sich der Preis für die verschiedenen Lieferperioden bei rund 100 Euro pro MWh eingependelt. Damit ist auch der Strompreis etwa doppelt so hoch wie vor dem Krieg. Die Wahrscheinlichkeit ist jedoch gross, dass es bei den Stromkosten im übernächsten Jahr für viele Bezüger im Vergleich zu 2024 eine Entspannung gibt.

Das mag nach einer Zahlenspielerei aussehen, ist aber für die Entwicklung der Konjunktur und der Finanzmärkte ein wichtiges Puzzleteil. Der Energieverbrauch ist für viele Unternehmen, insbesondere in der Industrie, ein wesentlicher Kostenfaktor. Tiefere Energiepreise entlasten die Produktionskosten und stabilere Preisverhältnisse verbessern die Planbarkeit. Investitionen werden wieder attraktiver, was die Konjunktur stimuliert. Das gilt insbesondere für die stark energieabhängige Wirtschaft in Deutschland, wovon die Schweiz über die Exporte auch profitiert. Gas- und Strompreise sind auch ein wichtiger Faktor für die Inflation, einerseits direkt über den Bezug der Energie, andererseits indirekt über die Zweitrundeneffekte der höheren Kosten. Nimmt der Inflationsdruck ab, erhöht das den Spielraum der Zentralbanken, mit einer expansiveren Geldpolitik die Konjunktur zu unterstützen. Das wiederum erhöht die Erwartungen der Investoren für höhere Gewinne der Unternehmen und lässt sie am Aktienmarkt zugreifen.

Eine stabile Energieversorgung zu stabilen Preisen ist für die Wirtschaft und die Finanzmärkte ein wichtiger Grundpfeiler. Das geht oft vergessen. Deshalb war die Diskussion um eine Energiekrise im letzten Jahr gar nicht so schlecht.

Aktienmärkte

US-Aktienmärkte
Dow Jones: +0.33%, S&P500: +0.06%, Nasdaq: -0.11%

Europäische Aktienmärkte
EuroStoxx50: +0.25%, DAX: +0.22%, SMI: +0.26%

Asiatische Märkte
Nikkei 225: -0.53%, HangSeng: -0.54%, S&P/ASX 200: -0.75%

Die Erholung an den Aktienmärkten geht weiter. Neue Impulse gibt es momentan aber nur wenige. Die Aktienmärkte werden nach wie vor durch die Zinserwartungen getrieben. Sinken diese, steigen die Kurse an den Börsen und umgekehrt. Der S&P 500 legte letzte Woche 1.00% zu. Die europäischen Aktien stiegen 0.72%, während der Swiss Performance Index die Woche mit einem Plus von 1.01% abschloss.

Noch im Oktober waren die Optimisten an den Aktienmärkten deutlich in der Minderheit. Dieser Monat war mit einem Minus von gut 2% im S&P 500 und 5% im SMI sehr schwach. Mit dem Monatswechsel in den November drehte der Wind. Nun konnten die Optimisten wieder das Zepter übernehmen. Die Aktienmärkte zeigten eine signifikante Gegenbewegung. Der S&P 500 hat den Kursrückgang seit September wettgemacht. Weniger gut lief es für den SMI. Dieser legte zwar auch zu, blieb aber im internationalen Vergleich zurück und konnte das Minus vom September und Oktober nicht aufholen. Dass der defensive Schweizer Markt zurückliegt, zeigt, dass zyklische Werte und Sektoren stärker gesucht sind. Dies ist ein klares Zeichen für die Stärke der Optimisten. Der Ölpreis signalisiert keinen Angebotsstress und notiert trotz Förderkürzungen durch Saudi-Arabien und dem Konflikt im Nahen Osten tiefer. Diese Entwicklung wirkt sich auf die allgemeine Stimmung an den Märkten positiv aus. Ebenfalls scheint die Inflationsentwicklung „gezähmt“. In den USA glitt die Inflationsrate zurück, ebenso wie in der Eurozone. In der Schweiz blieb sie unter dem angestrebten Niveau der SNB von 2% stabil. Dieser Inflationstrend hat auf der Zinsseite für Bewegung gesorgt und die Erwartungen verändert. Die Notenbanken sind am Ende ihres Zinserhöhungszyklus angekommen. Die Diskussion um Zinssenkungen wird bald an Fahrt aufnehmen und die Aktienmärkte positiv beeinflussen.

Kapitalmärkte

Renditen 10 J: USA: 4.494%; DE: 2.643%; CH: 1.032%

Der Fall der Zinsen an den Kapitalmärkten wurde gebremst. Aus unserer Sicht ist er übertrieben stark ausgefallen. Die Leitzinsen der Zentralbanken werden zwar sinken, aber nicht so schnell und so stark, wie das aktuell erwartet wird. Diesem Thema widmen wir auch die neue Ausgabe der Publikation «Zins Trend», welche hier bezogen werden kann.

Währungen

US-Dollar in Franken: 0.8819
Euro in US-Dollar: 1.0947
Euro in Franken: 0.9655

Was für die Zinsen gilt, gilt auch für den US-Dollar. Er konnte sich bei einem Kurs von 88 Rappen gegenüber dem Franken auffangen. Mittelfristig sehen die Aussichten für den Greenback aber nicht besonders rosig aus, da die Fed im nächsten Jahr als erste Zentralbank an der Zinsschraube nach unten drehen wird.

Rohstoffmärkte

Ölpreis WTI: USD 74.93 pro Fass
Goldpreis: USD 2'011.74 pro Unze

Die Opec und Russland werden diese Woche über weitere Förderkürzungen entscheiden. Nachdem die letzten Kürzungen im Preis verpufft sind, ist der Druck auf Saudi-Arabien gross, die Ölförderung weiter zu drosseln. Ob das den Preis nachhaltig nach oben treiben wird, ist zu bezweifeln, da die Nachfrage nach Öl mit einer schwächeren Konjunktur sinkt und die Lager in den USA gut gefüllt sind.

Wirtschaft

Deutschland: IFO-Geschäftsklimaindex (November) letztes: 86.9; erwartet: 87.5; aktuell: 87.3

Die Stimmung bei den deutschen Unternehmen stabilisiert sich auf einem tiefen Niveau. Der vom IFO-Institut ermittelte Index der Geschäftserwartungen ist den dritten Monat in Folge leicht gestiegen und deutet damit in Richtung Erholung. In den aktuellen Wirtschaftsdaten ist das noch nicht zu sehen. Das BIP ist in Deutschland im dritten Quartal um 0.1% geringer ausgefallen als im Vorquartal.

Thomas Stucki

Leiter Investment Center
Stauffacherstrasse 41
8021 Zürich
Ansicht vom Gebäude der Niederlassung der St.Galler Kantonalbank in Zürich